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Kunstwerk des Monats Juli 2013

Römische Prozession
Johannes Lingelbach
Öl auf Leinwand, 100 x 111 cm
um 1655–1660
Privatbesitz

Das Gemälde zeigt eine kirchliche Prozession durch die Stadt Rom, die mit den beiden Dioskuren am Aufgang zum Kapitol, mit dem Tiber, der Engelsburg und der Kuppel von Sant‘Andrea della Valle zu erkennen ist. Eine solche Prozession fand nach der Wahl eines Papstes anlässlich der Inbesitznahme von S. Giovanni in Laterano, der Bischofskirche Roms, statt. Es war dies wohl eine der feierlichsten und malerischsten Zeremonien, die sich sowohl bei Römern als auch bei Fremden größter Beliebtheit erfreute. Schließlich nahmen an diesem Festzug, dem sogenannten „Possesso“, der gesamte Apparat des Kirchenstaates, die Adeligen und die Botschaften teil. Ungefähr in der Bildmitte befindet sich die Sänfte des Papstes, wobei die Identität der Papstfigur schwer, ja gar nicht zu ermitteln ist. Die Szene wird überhaupt erst durch den hell beleuchteten Schimmel, den kreuztragenden Ministranten und den Kardinälen im Gefolge verständlich. Der Vordergrund wird zu beiden Seiten von schaulustigem Volk gerahmt. Die Szenerie beherrscht das Bildgeschehen, seien es die alles überragenden Dioskuren an den Seiten der Kapitolstreppe, sei es der hohe Mastbaum eines am Tiber vor Anker liegenden großen Schiffes, oder die Engelsburg und die Kuppel von Sant‘ Andrea della Valle im Hintergrund.

Das Gemälde stammt von dem 1622 in Frankfurt am Main geborenen und 1674 in Amsterdam verstorbenen Johannes Lingelbach. Dieser wurde zunächst in Frankreich und dann in Italien, im Umkreis der niederländischen Maler in Rom ausgebildet, kehrte um 1650 nach Deutschland zurück und zog dann nach Amsterdam, wo er ab 1653 ansässig wurde. Das präsentierte Gemälde könnte einen Hinweis auf Lingelbachs Eintreffen in Rom im Jahre 1644 geben, als am 23. November dieses Jahres die Prozession des neugewählten Papstes Innozenz X. stattgefunden hat. Es wäre denkbar, dass der gerade in Rom angekommene Lingelbach dieses besondere Ereignis miterlebt hat und es erst viel später (um 1655-1660) in diesem Gemälde festgehalten hat. Dem Künstler geht es dabei ganz offensichtlich nicht um eine detailgetreue Schilderung der stattgefundenen Possesso-Prozession, sondern er macht daraus ein römisches Capriccio. Das historische Ereignis wird mit römischen Motivzitaten, die nur ungefähr der Realität entsprechen, theatralisch effektvoll inszeniert.

Lingelbach steht in der Tradition der in Rom wirkenden niederländischen Maler um Pieter van Laer, gen. il Bamboccio, und Michelangelo Cerquozzi. Er ist einer der wichtigsten Repräsentanten der zweiten Generation der Bamboccianti und hat auch an der Verbreitung dieses Genres unter seinen eigenen Landsleuten beigetragen. Das umfangreiche Œuvre Lingelbachs findet sich auf zahlreiche Museen in Europa und auf diversen Privatbesitz verteilt.

(Text: Johann Kronbichler)

Lingelbach_Prozession

Präsentation
Das Kunstwerk wird am 2. Juli 2013 um 16 Uhr vorgestellt und bleibt den ganzen Monat ausgestellt.